Fotografie, Norwegen
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Norwegen: Einmal zum Nordkap, bitte!

Ich bin, wie immer, zu spät dran. Während ich mit der Rolltreppe ein Stockwerk höher fahre, fällt mir auf wie still es ist. Oben angekommen stehe ich vor einem Schild, das mich anhält, dort auf einen Mitarbeiter zu warten. Mache ich auch, bestimmt dreieinhalb Minuten, dann verlässt mich die Geduld. Ich laufe weiter in das Gebäude hinein, biege ein paar Mal ab und stehe vor einer großen Leinwand. Dahinter steht eine junge Frau und winkt mich näher heran, erklärt mir, sie müsse mir nur schnell ein Video zeigen. Macht sie dann auch und freut sich, dass ich keine Fragen dazu habe. Ich passiere eine Ticketkontrolle, laufe Treppen hinunter und stehe viel zu plötzlich vor dem Schiff.

Es ist die MS Lofoten der Hurtigruten: Ein wunderschönes Schiff, eines der kleinsten und das älteste, das noch in Betrieb ist. Es ist meine erste Gruppenreise, meine erste Reise in den hohen Norden, meine erste Schiffsreise. Sie wird mich von Bergen aus bis hoch nach Kirkenes und wieder zurück führen.

Am ersten Abend sehe ich kaum Leute -vermutlich, weil ich als einzige ewig nach meiner Kabine suche. Und dann nach dem Restaurant und der Bar, in der irgendein Treffen stattfindet, das ich verpasse, was aber nicht so schlimm ist, es gibt danach nochmal eins auf Englisch.

Nachts kann ich nicht schlafen, weil alles wackelt und laut ist. Trotzdem quäle ich mich in aller Herrgottsfrühe aus dem Bett, denn Frühstück gibt es ab 7:30 Uhr, was mir 30 Minuten Zeit zum Essen gibt, bevor wir den Stadhavet überqueren –die erste offene Seestrecke. Und ich stelle fest: Mir wird nicht schlecht. Dafür schlafe ich unglaublich gut, während das Schiff schaukelt und mich vom Fußende zum Kopfende und wieder zurück schiebt.

Ålesund ’Akihi

In Ålesund verlasse ich das Schiff und laufe mit einigen anderen Reisenden durch kleine Gassen, bewundere Türme, Kirchen und pastellfarbene Häuser. Es dauert nicht lange bis wir uns verlaufen haben. Der Weg, der so klar erschien, macht keinen Sinn mehr, und obwohl wir uns so sicher waren, zu wissen, wo wir hin müssen, stehen wir am Ende irgendwo und wissen nicht weiter.

Also bitten wir um Hilfe, lassen uns den Weg erklären, laufen los und haben sie keine zwei Minuten später vergessen, die Wegbeschreibung. Im Hawaiianischen nennt man das ’Akihi. Hab ich mal irgendwo gelesen und es fällt mir natürlich genau in dem Moment auch wieder ein. Irgendwann kommen wir aber doch alle wieder am Boot an und ich finde meinen Lieblingsplatz für die nächsten 10 Tage: Draußen auf dem Deck, in einer kleinen Ecke, wo es windgeschützt ist und kaum jemand vorbei kommt, mit schönstem Blick auf all die Landschaft, an der wir langsam vorbei gleiten.

Über die Hustadvika nach Trondheim

Abends die nächste offene Seestrecke, Hustadvika. Dieses Mal wird mir schlecht, ganz plötzlich und ohne Vorwarnung. Es ist nicht weit bis zu meiner Kabine, aber meine Beine sind auf einmal Wackelpudding, mir wird heiß und kalt und gerade als ich mich frage, was zum Teufel ich mir dabei gedacht habe, ein Schiff zu betreten, sagt jemand: Keine Sorge, ich hab dich!, trägt mich die Treppe runter als wäre ich leicht wie eine Feder und bringt mich zu meiner Kabine. 

Ich verlasse mein Bett bis zum nächsten Morgen nicht mehr. Dafür stehe ich rechtzeitig auf, um zu sehen wie die MS Lofoten in Trondheim andockt. Ich verlasse das Schiff als erstes und alleine, noch vor dem Frühstück. Mein Spaziergang durch die Stadt führt mich zur Nidaros Kathedrale, durch enge, verschlafene Gassen mit kleinen Cafés, vorbei an Werkstätten und Boutiquen. Ich schlendere über die Gamle bybroen, die alte Stadtbrücke aus dem Jahr 1862, bewundere die bunten Häuser und freue mich riesig als es anfängt zu schneien.

Polarkreis und Nordkap, endlich!

Tag 4, es ist der 12. November 2017.

Gegen 07:00 morgens überquere ich das erste Mal in meinem Leben den Polarkreis. Weil ich nicht ganz sicher bin, wann wir ihn denn tatsächlich überqueren, stehe ich seit 06:30 Uhr draußen. Es ist dunkel, still, das erste Tageslicht zeigt sich erst gegen 08:00 Uhr morgens hinter den Bergen, wir treffen MS Polarlys, die wie in Magie gehüllt an uns vorbei gleitet. Ich winke und freue mich riesig, dass jemand zurück winkt. Es ist ein guter Tag, ich weiß es einfach.

Also lasse ich mir ein paar Stunden später bei der Polarkreistaufe eine Ladung Eiswasser und Eiswürfel in den Nacken kippen. Und danach dauert es nicht mehr lange, bis wir am Nordkap sind. Mit dem Bus fahren wir über eisige Straßen immer höher den Berg hinauf. Es schneit, es ist grau und dunkel und kalt, uns bleibt nicht viel Zeit -wir fahren vorsichtshalber schon ein bisschen früher wieder zurück zum Hafen, bevor wir ganz einschneien. Aber bis dahin staune ich: Es ist nicht wirklich viel, was man hier oben zu sehen bekommt, aber die Weite, die Kälte, der Wind -man steht ja irgendwie doch beinahe am Ende der Welt. Und dieses Gefühl, das mag ich. 

1 Kommentare

  1. Sonja sagt

    Wunderschöne Fotos! Ich mag es, dieses grau-düstere wunderschöne Winter-Leben. So lässt sich auch der November aushalten, finde ich. Mit Hurtigsten würde ich auch gerne mal verreisen, aber dann am liebsten in die Antarktis!

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