Aus Neufundland, für Dich

Es ist ziemlich grau und düster hier draußen, morgens in Neufundland. Dicke Nebelschwaden hängen an den Bergspitzen, hüllen sie ein und lassen sie verschwinden. Die Luft ist klar und es riecht nach Regen, aber vielleicht habe ich Glück und bleibe heute verschont. Vielleicht klart gleich alles auf, wenn der Wind die Wolken und den Nebel vertreibt und die Sonne das Wasser funkeln lässt. Vielleicht.

Du hast immer gesagt, dass du gerne mal nach Norwegen fahren würdest. Ich glaube, da ist es manchmal auch so grau und neblig. Ganz bestimmt ist es da auch so kalt. Meine Hände sind schon ganz steif, meine Nase ist rot angelaufen und meine Beine zittern unter mir. Ich stehe auf einem Boot, das mich mit einigen anderen Reisenden zusammen durch den Western Brook Pond fährt. Das Wasser schlägt in Wellen an die Felswände, die zu beiden Seiten emporragen und ziemlich bedrohlich aussehen. Wir fahren direkt in den Nebel hinein, vorbei an Wasserfällen, die aus über hundert Metern Höhe hinab tosen und meine Haut mit Wassertropfen benetzen. Links entdeckt jemand einen Bären und alle laufen los, um einen Blick auf ihn zu werfen. Ich bleibe stehen und schaue auf die Felsen. Dort, diese Felsspalte, die nutzen Caribou, um den Berg hinauf zu klettern. Sie schwimmen durch Western Brook Pond, einer nach dem anderen, jedes Jahr wieder. Ich stelle mir vor, wie sie sich durch das kalte Wasser kämpfen, auf der anderen Seite angekommen ihr Fell ausschütteln und dann direkt weiter laufen, immer weiter, bis sie ganz oben sind.

 

Du hast mal zu mir gesagt, dass ich dir schöne Fotos und Geschichten mitbringen soll, weil du vielleicht nie dorthin kommen würdest. Und immer, wenn ich dir Geschichten erzähle, dann hörst du zu. Du hörst dir jedes Detail an, lässt dich von mir in eine andere Welt entführen, siehst die Bilder, die ich dir mit meinen Worten zu malen versuche. Du hörst zu und lachst und schüttelst den Kopf, denn ich kann dir auch von den nicht so perfekten Erlebnissen erzählen. Von all den Dingen, die schief gehen, von meinen vielen Missgeschicken, wir lachen dann einfach zusammen darüber. Und mit jeder Geschichte, die du dir von mir erzählen lässt, mit jedem Gedanken, den wir teilen, bringe ich dir die Welt in meinem Kopf, meine Welt, ein Stückchen näher. Ich denke an dich; an all die Geschichten, die ich dir erzählen werde. Und daran, wie wir dann lachen und über verrückte Dinge staunen. Ich denke an die Worte, mit denen ich dir beschreiben werde, was mich hier umgibt, was mich beschäftigt. Ich denke an die neuen Geheimnisse, die ich mit dir teilen werde, und daran, dass wir gar nicht nach Norwegen fahren müssen, um zusammen zu verreisen. Denn du bist auch so immer dabei. In meinem Kopf sind wir jetzt zusammen hier, in Neufundland, auf dem Boot zwischen den hohen Felswänden.

 

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